Wir stießen bei ihm auf großes Wohlwollen. Mit
dem Pfarrer und Rosa, die uns wieder gute Dolmetscherdienste leistete standen
wir dann auf unserem alten Friedhof an der Kirchenwand mit den alten Epitaphen und
berieten über die Art der Steinplatte. Rosas Sohn hatte einen verwandten
Steinmetz aus Peilau angerufen, der sich schon bald zu uns gesellte und beriet.
Schnell wurden wir uns über die Art des Steines einig, auch der verlangte Preis
erschien uns angemessen denn es sollten außerdem die alten Epitaphe der Pfarrer
Victor Apoloni und Gotthard Müller restauriert werden. So erteilten wir den
Auftrag zur Herstellung unserer Gedenktafel mit folgendem Text in deutscher und
darunter in polnischer Sprache:
Am Montag 23.8.04 reisten wir dann, 42
Protzaner, mit Frettertal-Reisen in die Heimat. Bei Magdeburg hatten wir leider
wegen eines Defektes an der Spritzuleitung einen mehrstündigen Aufenthalt,
durch den unsere bei Leipzig Zusteigenden zum Warten gezwungen waren. Der
Grenzübergang bei Ludwigsdorf nördlich von Görlitz brachte nur einen kurzen
Aufenthalt. Der Bus-Fahrer musste eine Vignette kaufen gehen! Ja, wir müssen
für die Benutzung unserer Straßen und der mit EU-Geldern neu gebauten im
polnischen Machtbereich zahlen! Auch PKW-Fahrer! Ein polnischer Grenzbeamter
trat in den Bus und fragte: Alles Deutsche? Auf die einstimmige Antwort „Ja“
wurden wir sofort durch gewinkt. Durch den Pannen-Aufenthalt gerieten wir
dennoch in die nächtliche Dunkelheit und unser Fahrer für den Schlesien Neuland
war und den wir gewarnt hatten, lernte die alte Autobahn nach Breslau kennen.
Sie ist im Moment, dank EU-Geldern, eine kilometerlange, riesige Baustelle, nur
einspurig zu befahren und die Ausfahrten sind schlecht beschildert und schlecht
markiert. Wir kamen trotzdem noch montags kurz vor Mitternacht in unserem
altbewährten Hotel Eulental in Steinkunzendorf an. Dienstag der 24.8., der erste Tag in der
Heimat, war natürlich dem Besuch unseres Dorfes Protzan gewidmet. Auf der Fahrt
dorthin begleitete uns wieder die schöne Sicht auf das Eulengebirge, der Zobten
grüßte ganz besonders unsere jüngeren Mitreisenden, welche noch nie in
Schlesien, der Heimat ihrer Eltern und, oder Großeltern waren. An der Ruine des
Schlosses Kleutsch vorbei grüßte dann bereits linker Hand unser Kirchturm und
vor uns lag die schöne Silhouette der Stadt Frankenstein. In Protzan, durch das Dorf fahrend, erklärten
wir dann wem die Bauern-Gehöfte und Häuser rechts und links an der Dorfstraße
gehören, wer die wahren Eigentümer sind, wer da bis zur Vertreibung 1945/46
wohnte. Auf dem Kirchberg angelangt wurden Fotos geschossen und dann auf dem
Friedhof die bereits angebrachte schöne Gedenktafel begutachtet. Ein Palmwedel
darauf, der die deutsche von der polnischen Inschrift trennt, ist eine Zutat
des polnischen Steinmetz. Bald verteilte man sich zu Dorfbesuchen.
Alfred R. und Doris M. hatten zusammen mit Rosa L. als Dolmetscherin um 10 Uhr
einen Termin beim Pfarrer um über die Gestaltung des vorgesehenen gemeinsamen
Gottesdienstes am Sonntag und die Einweihung der Gedenktafel zu reden. Das
Pfarrhaus wurde kürzlich renoviert. Pfarrer Ziobrowski führte uns in den großen
Wohnraum mit einem langen Tisch. Alfred erinnerte sich an seine erste hl.
Kommunion, daß die Kinder damals bei Pfarrer Peukert dort zum Kaffee geladen
waren. Der jetzige polnische Pfarrer, Herr Ziobrowski, erzählte uns dann auch
über die Renovierung der kleinen Barockkapelle auf dem Herzig-Acker am
Gr.Olbersdorfer Weg, die schon fast verfallen war. Doch das ist ein Bericht für
sich. Ein paar von uns waren zu der Kapelle gegangen, aber sie ist
verschlossen, wie die Kirche. Bei einem kleinen Mittags-Picknick am Gumberg
genossen wir die Aussicht über unser schönes Frankensteiner Land. Am Nachmittag
bekamen wir dann die Kirche geöffnet. Die Zeit verging uns wie im Fluge und wir
brachen auf, um in Frankenstein einen kleinen Rundgang zu machen. Unseren Bus
parkten wir im Hof des Brüder-Krankenhauses, dem einzigen noch in Frankenstein
existierenden Krankenhaus. So waren wir direkt am Gasthaus Elefant und schon
hatten uns die bösen Erinnerungen eingeholt an die erste Vertreibung im Juli
1945 und die endgültige Vertreibung im Frühling 1946, hatten wir doch erst vor
kurzem die Fotos von der Vertreibung am Gasthaus Elefant im Heimatblatt
abgedruckt. In der Nachbarschaft gibt es jetzt einen Plus-Markt. Erworbene
alkoholische Getränke muß man dort an einer Extra-Kasse bezahlen. Jeder von uns
hatte seine eigenen Erinnerungen an Kindheit und Jugend. Besondere Erinnerungen hatte aber unser
ältester Mitreisende Georg Strecke, der jetzt in seiner Geburtsstadt auf alten
Pfaden wandelte. In Protzan hatte er bei Bäcker Otto Mälzig das Bäckerhandwerk
gelernt und seine Frau war eine Enkelin von Lehrer Hollunder in Protzan. Jetzt
wurde er begleitet und behütet von seinen Angehörigen, Tochter, Sohn und
Schwiegertochter. Am Morgen des 25.8., Mittwoch, fuhren wir
zuerst nach Heinrichau. Der ziemlich bunte Anstrich der Klostergebäude, welcher
jetzt auf die Kirche ausgedehnt wird, ist gewöhnungsbedürftig. Aber hier wird
viel renoviert. Hinter der Kirche entsteht der verfallene Bau der einstigen
Krankenzimmer (später Orangerie?) mit schönen hohen halbbögigen Fenstern neu.
Dort hinten stand die Tür zur Kirche offen. Man tritt in den alten gotischen
Raum in dem die schönen Barock-Krippenfiguren aufbewahrt werden. Ein
Geistlicher öffnete uns vorne das Gitter am Kirchenportal. Ohne
Deutschkenntnisse versuchte er einiges in der Kirche zu erklären, daß die
Gemälde von einem Italiener seien und das schöne Chorgestühl von dem Norweger
Weißfeld. Die deutschen Künstler, wie Michael Willmann wurden einfach
unterschlagen. Als deutscher Besucher muß man sich ganz einfach selbst über die
Kirche informieren. Sein Hauptauftrag aber war in der Sakristei der Verkauf von
Postkarten und Schriften. In dem dort erworbenen Faltprospekt steht, daß
die Kirche ein Marien-Sanktuarium der „Mutter Gottes der Polnischen Sprache“
ist. Wir fuhren dann weiter nach Breslau und
widmeten den weiteren Tag unserer schönen Landeshautstadt. Die hinterließ
bereits beim Anblick des schönen im Tudor-Stil gebauten Hauptbahnhofes einen
bewundernden Eindruck bei unseren jungen Mitreisenden. Beeindruckt waren auch alle,
die zum ersten Mal die Sand- und die Dominsel mit ihren Kirchen betraten und
sofort dem besonderen Flair dieses „schlesischen kleinen Vatikans“ erlagen. Wir wollten den bei unserem letzten
Breslau-Aufenthalt im Jahr 2003 misslungenen Besuch der Aula Leopoldina in der
Universität nachholen. Damals kamen wir etwa 10 Minuten nach 16 Uhr an, um 16
Uhr hatte man aber bereits geschlossen. Und heute Mittwoch standen wir wieder
vor verschlossenen Türen. Denn, was wir nicht wussten, mittwochs ist die Aula und auch der Lift den
ganzen Tag geschlossen! Dies als Warnung für alle, die einen Besuch planen! Am Donnerstag, dem 26.8. ging es dann nach
Wartha und in die schöne Grafschaft Glatz. In Wartha mussten wir zuerst ein Park-Problem
für den großen Bus lösen. Als wir uns in der Kirche aufhielten, kam der gut
deutsch sprechende Pater Andreas mit einem großen Schlüsselbund. Er erzählte
etwas über die Kirche, aber zur Öffnung des vor dem Altar mit dem Gnadenbild
befindlichen kunstvollen Gitters war er nicht zu bewegen. Sein Hauptanliegen
war, uns zum Besuch der unter der Kirche befindlichen beweglichen Krippe zu
locken, die nichts gemein hat mit der bei uns Kindern damals so beliebten
„Mechanischen Geburt“ des Herrn „Beweglich“. Für den Besuch des viel
sehenswerteren Museums mit den alten deutschen Votivtafeln blieb uns keine
Zeit. Die deutschen Aufschriften auf den Gemälden über die Entstehung der
Wallfahrt wurden übrigens mit polnischen Aufschriften übermalt und durch
weitere Gemälde ergänzt, welche die Übergabe an Polen 1945 und einen
Papstbesuch zum Thema haben. Am Bus konnten wir dann Herrn Dornbach von
Frettertal-Reisen mit einem seiner kleinen Söhne begrüßen. Er hielt sich gerade
in seinem Heimatort Banau auf, wo er einen Zweitwohnsitz hat. In Wartha blieben unsere Schwestern Zwiener
zurück da sie den Warthaberg besteigen wollten. Auf ihrem Weg kamen sie am
Marienbrünnchen vorbei. Seine Quelle plätschert noch wie eh und je in ihrem
Kapellenhäuschen. Die Warthaer und die alten Wallfahrer wissen, man muß sich die
Augen mit dem wundertätigen Wasser der Quelle benetzen, dann bleibt man von
Augenkrankheiten verschont. Auf dem Warthaberg fanden unsere Wanderinnen die
Kapelle verschlossen, aber der steingewordene „Fußabdruck der Madonna“, den die
heilige Frau bei ihrem Erscheinen auf dem Berg hinterließ, besteht noch unter
seinem schützenden Gitter. Die anderen Protzaner fuhren mit dem Bus
weiter nach Glatz. Dort gingen sie von der Minoritenkirche über die
Brücktorbrücke zum Ring und bewunderten dann die schöne Pfarrkirche mit der
„Madonna mit dem Spatz“ und dem Grabmal des Bischofs Ernestus von Pardubitz,
auf dessen Rat hin der deutsche Kaiser Karl IV. die 1. deutsche Universität in
Prag gründete. Dann wurde Habelschwerdt besucht. Wir denken da an den Dichter
Hermann Stehr. Durch die Grünanlagen an der Stadtmauer entlang kommen wir zur
kath. Kirche St.Michael, die noch Bauteile aus der 2.Hälfte des 13.Jahrhunderts
enthält. Durch die Mitte der Kirche zieht sich eine Säulenreihe, ähnlich wie in
St.Georg in Münsterberg. Dann sind wir am einigermaßen gepflegt erscheinenden
Ring mit dem Rathaus und der Dreifaltigkeitssäule von 1737. Meinen Neffen
erzähle ich von meinem Großvater, ihrem Urgroßvater, der als 18-jähriger hier
in Habelschwerdt ab 1871 das Lehrerseminar besuchte. Dann in Bad Landeck trank man „Wässerchen“ und
anschließend im „Derheeme-Häusla“, Lerchenfeld, Kaffee. Dazu gab es
schlesischen Kuchen, man sang Volkslieder und wir bekamen von den Kindern
schlesische Gedichte vorgetragen. Die „Warthaberg-Wanderinnen“ trafen hier
wieder zur Gesellschaft der Protzaner. Auch das war ein schöner Tag in der
Heimat. Der Freitag war dem Kloster Grüssau und dem
Riesengebirge gewidmet. Die Protzaner besuchten das beeindruckende Kloster
Grüssau, weiter die Kirche Wang unter der Schneekoppe, die sich ihnen auch von
ihrer schönsten Seite zeigte, dann das Haus Wiesenstein von Gerhard Hauptmann.
Am Nachmittag gab es wieder Kaffee und Kuchen, diesmal im „Haus Tirol“ in
Erdmannsdorf-Zillertal. Der Samstag 28.8.04 führte uns zuerst nach Kamenz,
dann nach Patschkau, Ottmachau und in die Stadt Neisse. In Kamenz wollten wir gern die Kirche
besichtigen, in der sogar Friedrich d. Gr., der protestantische Preußenkönig,
betete als ihn der Abt unter einer Kutte verbarg und so vor der Gefangenschaft
durch die Österreicher rettete. Die Kirche war aber nur bis zum Gitter zu
betreten. Doch dann kam plötzlich ein Pole per Fahrrad mit dem Schlüssel und
einem Opferkörbchen. Er schloß uns die Kirche auf, das Opferkörbchen wurde
herumgereicht und wir konnten in der Kirche beten und uns umsehen.
Beeindruckend ist die Kanzel mit der darüber befindlichen Jakobsleiter vor
welcher der Preußenkönig den Abt gefragt haben soll, warum die Engel eine
Leiter brauchten, wo sie doch Flügel zum Fliegen haben und der Abt schlagfertig
erwiderte, Majestät, die Engel sind wohl gerade in der Mauser! Bei dem schönen Wetter war es anschließend ein
Vergnügen durch den Park des Schlosses zu gehen. Wie muß das erst früher
gewesen sein? Die ruinösen Treppen zu den Terrassen, die Reste der Pergolen,
die Beckeneinfassung der großen Fontäne zwischen den alten Bäumen, die
einigermaßen renovierten Türme und Mauern des Schlosses ließen auch unsere
Erstbesucher erahnen, welche Schönheit hier zerstört wurde. An das Schloß kamen
wir nicht heran. Eine Schranke versperrt jetzt den Weg zum Restaurant. Wenn man
zum Schloß will, geht das nur noch über Teilnahme an Führungen oder zum Besuch
des Restaurants mit Anmeldung! Wir fuhren weiter nach Patschkau. Der Rundgang
führte durch die alte Stadt innerhalb
ihrer Stadtmauern und Türme über den Ring, weiter zur Pfarrkirche in der sich
als Wehrkirche der „Tartarenbrunnen“, ein Ziehbrunnen, befindet. An der
Außenmauer der Kirche haben die deutschen Patschkauer eine Gedenktafel für ihre
Toten angebracht. Dann ging es an Alt-Patschkau vorbei. Hier
konnten sich unsere Mitreisenden der Familie Günther erinnern. Familie Günther
verlor einst ihren Besitz in Alt-Patschkau durch den Bau des Ottmachauer
Staubeckens. Mit der erhaltenen Entschädigung kauften die Eltern Günther in
Protzan den Hof der Familie Joachim.- Ein kurzer Halt und Aufstieg auf den
Deich erlaubte einen Blick über die Ausmaße des Staubeckens. Weiße Segel auf
dem Wasser, Angler am Ufer, wir wären gerne noch geblieben aber schon ging es
weiter nach Ottmachau. Auch hier konnten wir die Kirche St. Nikolaus von innen
besichtigen, ein polnischer Fotograf verkaufte in der Kirche seine Fotos.
Einige Protzaner gingen dann hinauf zum Schloß, an dem eine Tafel über Wilhelm
von Humboldt, den preußischen Innenminister und Besitzer des Schlosses
berichtet. Das Schloß, das vor Wilhelm von Humboldt den Fürstbischöfen von
Breslau gehörte, ist jetzt ein Hotel. Die Stadt Neisse war unser endgültiges Ziel,
genau gesagt die Kasematten. Zum größten Teil waren wir eine Straße entlang
gefahren welche die Protzaner im Juli 1945 von Frankenstein her in brütender
Sommerhitze zu Fuß zurücklegen mussten. Die polnische Miliz hatte sie da
bereits aus ihrem Dorf vertrieben. Sie zogen damals mit wenigen Habseligkeiten,
fast nur Frauen, Kinder, alte Leute und wenige bereits ältere Männer von der
bewaffneten polnischen Miliz bewacht und getrieben nach Neisse ohne zu wissen,
was aus ihnen werden sollte. Das ihnen unbekannte Ziel waren die Kasematten in
Neisse. Einige, die als Kind dabei waren erinnerten
sich: es war nicht weit vom Fluß Neisse, wir holten dort Wasser, das war nahe
am Wehr! Nach der Besichtigung der Stadt mit ihrer
großen Pfarrkirche und dem mächtigen Kirchturm, dem schönen Brunnen, der
Kreuzkirche usw. trafen wir uns wieder am Bus nicht weit vom Berliner Torturm.
Da stellte sich heraus, daß wir den Bus fast genau an der Kasematte geparkt
hatten, die damals das schreckliche Domizil der Protzaner für mehrere Wochen
war. Jetzt, dort stehend, sprudelten die Erinnerungen der damals Beteiligten
hervor, an den Durst der Eingesperrten, den Hunger, als man die verfaulten
Kartoffeln aus dem Müll aß, Wasser aus der Neisse holte, in der noch Leichen
und Tierkadaver lagen. Und daß die wenigen Männer unter ihnen Nacht für Nacht
von den Polen herausgeholt wurden. Morgens brachte man sie zurück, sie konnten
kaum noch laufen, sie waren zerschlagen worden und hatten davon überall
Blutergüsse. Als nach Wochen das Leiden ein Ende fand, musste der Weg nach
Protzan wieder zu Fuß zurückgelegt werden und dann fand man in seinem Haus,
seiner Wohnung die inzwischen eingezogenen Polen vor und viele Protzaner hatten
keine Bleibe mehr in ihrem Eigentum. Diese Erinnerungen begleiteten uns auf der
Rückfahrt zum Hotel. Trotzdem schien der Besuch dieser Kasematten wie eine
gewisse Erlösung zu wirken. Am Sonntag 29.8.04 war für 10.30 die hl. Messe
mit Einweihung der Gedenktafel angesagt. Es war uns gelungen mit drei Generationen dazu
in unser Heimatdorf zu fahren. Außer uns 37 Älteren von der
Noch-Erlebnisgeneration hatten wir Söhne und Töchter dabei und dann waren noch
5 junge Leute aus der Enkel-Generation teils mit eigenem PKW zum Wochenende
nachgekommen, was uns besonders freute. Leider fiel die Einweihung wegen Zeitmangel
nicht ganz so aus, wie wir es uns vorgestellt hatten. Pfarrer Ziobrowski hatte die sonst um 12 Uhr
in Protzan stattfindende Messe für uns auf Uhr 10.30 vorverlegt. Er musste
danach noch in zwei anderen Dörfern Gottesdienst abhalten. Da unsere Orgel der Fa. Schlag/Schweidnitz
seit vielen Jahren nicht mehr spielbar ist, sangen wir ohne
Instrumentalbegleitung bei der hl. Messe zum Eingang aus der bei uns in
Schlesien so beliebten Deutschen Messe von Schubert „Wohin soll ich mich
wenden“. Nach uns sangen die polnischen Gläubigen eines ihrer Kirchenlieder.
Der Pfarrer erklärte dann seinen polnischen Pfarrkindern, um wen es sich bei
Ignatz Franz handelte. Es folgte die Lesung in deutscher und polnischer
Sprache. Nach der Lesung, während sich der Pfarrer und die Ministranten
seitlich setzten, traten vier kleine Mädchen in weinroter Kutte vor den Altar
und sprachen Gebets-Texte mit immer nachfolgendem „Alleluja“. Das dauerte eine
ganze Weile und so schön die Kinder das machten, wir verstanden leider außer
dem „Alleluja“ nichts davon. Später sangen wir Deutschen zur Opferung „Nimm an
oh Herr die Gaben“. Wir hatten uns wegen der knappen Zeit die dem Herrn Pfarrer
zur Verfügung stand, auf höchstens zwei Strophen geeinigt. Dann aber sangen die
Polen ein langes Kirchenlied mit vielen Strophen, sie hörten und hörten nicht
auf zu singen. Nach dem Schluß-Segen sollte unter unserem Gesang „Großer Gott wir loben Dich“ in einer
Prozession hinaus gegangen werden zu unserer Gedenktafel. Doch leider war die
Zeit weggelaufen. Die Ministranten rannten fast mehr als sie gingen durch die
Kirche hinaus, der Pfarrer eilte ihnen mit Riesenschritten hinterher. Wir
konnten singend gar nicht so schnell folgen. Unsere älteren Teilnehmer saßen
kaum auf den Bänken, da sprach der Herr Pfarrer polnisch ein Gebet und noch
einige Worte auch über Ignatz Franz, dann besprengte er die Gedenktafel segnend
mit Weihwasser. Kaum fertig bedeutete er uns, daß er leider in Eile sei. Wir
bedeuteten ihm verständnisvoll, daß wir auch ohne ihn weiter zurecht kämen.
Darauf verschwand er mit den Ministranten schnell in der Kirche. Manfred Sch.
und Alfred R. konnten ihm gerade noch mit unserer Spende für die Kirche in die
Sakristei folgen. Schade, daß alles so schnell gehen musste. Vor unserer Gedenktafel sprach dann Alfred R.
einige Worte des Dankes an den Pfarrer, die der leider nicht mehr hörte. Alfred
R. erinnerte auch an den Pfarrer Alois Schwarzer, der hier neben seinen
Amtsvorgängern begraben liegt. Ihm hatten die Protzaner die Einrichtung des
Aloysius-Stiftes der Boromäerinnen zu danken. Die Nonnen führten eine
Krankenstation und den Kindergarten, die „Spielschule“ wie es damals hieß. Die
hatten viele der anwesenden alten Protzaner in ihrer Kindheit besucht. Wir
beteten für unsere Toten ein „Vater unser“. Dann sprach Doris M. noch einige
Worte des Dankes auch an den Initiator der Gedenktafel Alfred R. und über die
Bedeutung des Liedtextes von Ignatz Franz „Alles ist Dein Eigentum“, daß uns
Menschen alles woran wir uns erfreuen dürfen nur auf Zeit gegeben wurde, daß
keiner von uns etwas mitnehmen kann und daß wir mit Gottes Eigentum, unserer
schönen Umwelt, Himmel, Erde, Luft und Meer ehrfürchtig umgehen müssen. „Ignatz Franz und unseren Toten, die
zeitlebens dieses wunderschöne Land hier geachtet und geliebt haben, ihnen ist
die Gedenktafel gewidmet!“ Ein Gedenken an unsere Toten, ein „Herr gib
ihnen die ewige Ruhe“ folgte. Rosa Lach hatte die Übersetzung für die
wenigen noch anwesenden Polen übernommen. Denn nachdem der Pfarrer gegangen
war, hatten auch die meisten der polnischen Gottesdienst-Teilnehmer den Ort des
Geschehens verlassen. Bernhard R., der in seiner Kindheit hier
Ministrant war, hatte vorgeschlagen, anschließend an die Einweihung in der
Kirche noch ein oder zwei unserer schlesischen Marienlieder zu singen. Doch
dazu kam es nicht mehr. Die Kirche war inzwischen abgeschlossen worden. So bekamen wir wieder zu fühlen, daß wir heute
nur noch die fremden Gäste in unserer Heimat, in unserer eigenen Kirche sind,
für deren Bau, Ausstattung und Erhaltung viele unserer Ahnen ihre Arbeitskraft
und ihr sauer verdientes Geld einsetzten. In den Zeiten der Not, der
zahlreichen Kriege und Pestepidemien haben viele unserer Ahnen sich die Spenden
für die Kirche vom Munde abgespart. Wir Nachkommen sind heute auf das Wohlwollen
der polnischen Bewohner des Dorfes angewiesen und dem jetzigen Pfarrer, Herrn
Ziobrowski, dankbar für sein Entgegenkommen. Doch wir alten Protzaner konnten uns in
unserem Heimatdorf über verschiedene Gäste freuen: da war einmal Jozefa die einstige
polnische „Fremdarbeiterin“ auf dem Hof Reimann. Sie war von ihrer Tochter aus
Lindenau nach Protzan gebracht worden. Mit Jozefa freuten wir uns, denn sie
hatte kürzlich die zweite Rate aus dem Fremdarbeiterfond der BRD erhalten. Ein
Beweis, daß das Geld nicht wieder in falsche Kanäle floss. Aus Frankenstein war
Inge R. zu unserer Feier gekommen. Sie ist als in der Heimat verbliebene
Deutschstämmige Mitglied des Deutschen Freundschaftskreises, lebt in
Frankenstein und hat in Protzan eine Enkeltochter. Walter Franke (Enkel v. Max Spittler), den
leider ein kurz vor der Reise unschuldig erlittener Unfall (Auto kaputt), am
Kommen aus Norddeutschland hinderte, wurde durch zwei in der Heimat verbliebene
Deutschstämmige vertreten. Es waren die Herren Gerhard Kern aus Reichenbach und
Ewald G. aus Schönheide, welcher dort eine Landwirtschaft besitzt. So gab es
genug zu erzählen. Viele von uns trafen sich dann bei Rosa zu Kaffee und
Kuchen, andere besuchten noch einmal ihr Elternhaus und konnten sich da über eine
freundliche Aufnahme durch die polnischen Bewohner freuen.
Ein Teil, besonders die Erstbesucher unserer
Heimat, fuhren mit dem Bus noch nach Silberberg. Vom Donjon, den der „Alte
Fritz“ erbaute, genossen sie dann die
schöne Aussicht über unser Frankensteiner Land, unsere geliebte Heimat von der
wir leider am Montagmorgen wieder Abschied nehmen mussten.
Am Mittwochabend des 25.8.04 spät waren Martin
und Stefan über Bad Kudowa kommend im Eulental eingetroffen.
Am Donnerstag begleiteten sie uns Protzaner
nach Wartha und Glatz im PKW. Wir trennten uns von den Protzanern nach der
Besichtigung von Habelschwerdt, wo der Urgroßvater Wilhelm Loske ab 1871 das
Lehrerseminar besuchte. Wir fuhren über Glatz nach Eckersdorf. Dort schauten
wir in die schöne Kirche mit der Schiffskanzel und sahen das Märchenschloß der
Grafen von Magnis. Die heute verunkrauteten, breiten Treppen hinauf zum Park
lassen noch die einstige Schönheit der Anlage erahnen. Bei Graf Magnis war
Ur-urgroßvater Augustin Loske Schafmeister gewesen. Ihm unterstand die Zucht
der damals sehr wertvollen Merino-Schafe. Auf dem Friedhof in Eckersdorf wurden
seine Eltern beerdigt. Weiter fuhren wir auf seinen Spuren nach Gabersdorf und
während eines heftigen Regenschauers besuchten wir die Kirche in der Augustin
Loske am 28.1.1845 die dort geborene Johanna Theresia Apollonia Stiller
heiratete. Beide starben in Gabersdorf und wurden auf dem Friedhof dort
begraben so wie ihre Eltern, das Ehepaar Stiller. Urgroßvater Wilhelm hatte in
Mühldorf und Gabersdorf seine Kindheit verbracht. Über Giersdorf fahrend suchten wir den
„Gemäldeblick“ auf Wartha, der aber zugewachsen ist. In Wartha schauten wir
noch in das sogenannte Museum mit den Votivtafeln und den Bildern über die
Entstehung der Wallfahrt. Dann ging es weiter durch Frankenstein nach Protzan.
Langsam fuhren wir durch das Dorf mit den verfallenden einst so stolzen
deutschen Bauernhöfen. Dann gingen wir auf den Hof Schneider, wo die Oma
Angelika geboren wurde. Im Hof stand ein Auto und aus dem Wohnhaus kläffte
dauernd ein Hund. Die jungen Polen, die das Haus neuerdings bewohnen, haben auf
dem Hof Gestrüpp gerodet. Es sieht etwas ordentlicher aus, doch der Verfall der
Gebäude schreitet weiter voran. Man sieht es mit wehem Herzen. Am Freitag fuhren wir drei sofort nach
Protzan, während die Gruppe der Protzaner ins Riesengebirge fuhr. Wir hatten um
10 Uhr mit Rosa einen Termin bei dem jetzigen Pfarrer und konnten im Pfarrbüro
unsere deutschen Kirchenbücher einsehen. Die anderen noch zahlreich vorhandenen alten Dokumente und
Unterlagen überließ er uns leider nicht zur Einsicht. Sie lagern in Schränken
in einem Extraraum des Pfarrhauses, in den keine Fremden eingelassen werden.
Rosas Sohn Kristian hatte inzwischen in Frankenstein die jetzige „Besitzerin“
des Hofes Schneider angerufen und um die Möglichkeit zum Besuch des Wohnhauses
gebeten. Sie ließ uns Bescheid geben, daß wir uns an die jungen Leute im Haus
wenden sollten, die würden uns alles zeigen. Nur wenn es sich um etwas anderes
als nur einen Besuch handele, sollten wir zu ihr kommen, wenn ihre Töchter da
wären.- Sollte das ein Hinweis sein? Wir wissen, daß sie verkaufen möchte.- Mit
Rosa als Dolmetscherin besuchten wir dann unser Erbe. Eine sehr nette, hübsche
junge Polin öffnete uns die Haustür und dann alle weiteren Räumlichkeiten. Sie
und ihr Mann wohnen kostenfrei im Haus und renovieren dafür etwas im Inneren.
Das vorher in mehr als 50 Jahren furchtbar verwahrloste schöne große Zimmer im
ersten Stockwerk haben sie sich recht schön renoviert und nett eingerichtet.
Der schöne alte, hohe Kachelofen mit Relief und Sims steht noch darin und
funktioniert sogar, unsere einstige Wasserversorgung seit Jahrzehnten nicht
mehr. Die jetzige örtliche Wasserleitung wurde aus Kostengründen nur in die
Scheune verlegt. So leiten die jungen Polen das Brauchwasser aus der Scheune
über einen Wasserschlauch ins Wohnhaus. Gekocht wird auf einem kleinen
Elektrokocher. Die Toilette im Haus ist zusammengefallen, in der Wand klafft
ein Riesenloch. Wie die jungen Leute da ihr Problem lösen, haben wir nicht
ergründet. In der einstigen Mehlkammer und dem dahinter
liegenden Raum, in dem früher die Sättel, die Kutsch- und Schlittengeschirre
mit Geläut hingen, fanden wir noch ein paar alte Stühle und Kopf- und Fußteil
eines Bettes aus dem Bestand der Urgroßeltern. Alles leider in schlechtem
Sperrmüllzustand, das konnten wir als Andenken mitnehmen. Liebevoll wurden die
Teile von den Ur-Enkeln im Auto verstaut. Die in fast 60 Jahren ohne Pflege
ausgetretenen Treppenstufen hinab, Geländer gibt es nicht mehr, wollte mir die
junge Polin höflich den Arm bieten. Nur, ich kenne die Stufen seit meiner
Kindheit und kann sie heute noch sicher im Traume gehen. Die Zimmer, die
geschwärzte Hausstube, in der es bei den polnischen Bewohnern einmal gebrannt
haben muß, die Waschküche, alles, jeder Winkel in Haus und Hof ist mir vertraut
und sei er noch so verkommen. Das Haus ist wie alle Gebäude des Hofes in einem
trostlosen Zustand, wäre aber mit entsprechendem Aufwand zu retten. Die junge
Frau träumt von einem Kauf des Hauses. Sie erzählte uns, daß sie in
Frankenstein arbeitet und 600 Zloty im Monat verdient. Von der jungen Frau und
deren anwesender ebenso jungen Verwandten verabschiedeten wir uns recht
herzlich. Am Nachmittag fuhren wir mit Rosa und Kristian
nach Frankenstein. Während die beiden etwas zu erledigen hatten, machten wir
einen Rundgang durch die Stadt, zum Ring mit dem Rathaus, dem schiefen Turm,
St. Anna-Kirche und der noch immer beeindruckenden Schlossruine. Dann war da
die Erinnerung an die Vertreibung im April 1946, an die letzte Nacht in der
Heimat, welche die Protzaner im Saal des Hotel Zum Elefanten verbrachten. Unter
ihnen waren damals als Kinder Martins Mutter und Stefans Vater. Jetzt im Sommer des Jahres 2004 konnten wir in
der Nachbarschaft des „Elefanten“ im „Plus-Markt“ einiges einkaufen. Nach einer Tasse Kaffee bei Rosa in Protzan
auf dem Kirchberg fuhren wir auf den Spuren der Familie noch nach Heinrichau.
Das zweite Haus rechts neben dem Zufahrts-Tor zum Kloster gehörte einst den
Ur-urgroßeltern Müller. Der Kaufmann Joh. Bernh. Müller führte darin einen
lebhaften Handel von Wein bis Zement und nannte sich Hoflieferant, da er das
Schloß belieferte. Das Haus wurde aber später von der Familie verkauft. Heute
befindet sich darin ein Lädchen für Bekleidung
und eine Bücherei. Wir konnten das weiträumige beeindruckende
Treppenhaus bewundern. Dann besuchten wir natürlich die Klosteranlage und die
herrliche Kirche in der am 6.10.1885 die Urgroßeltern von Stefan und Martin
heirateten. In der Kirche war die Braut, Urgroßmutter Hedwig Müller, schon
getauft worden und hier spielte Urgroßvater Wilhelm Loske als Lehrer und Kantor
die Orgel, wie später in Wartha. Auf der Rückfahrt zum Eulental machten wir
noch einen kleinen Halt in Münsterberg, gingen um den Ring mit dem Rathaus und
schauten in das St. Georg-Münster mit seinem wuchtigen Turm. Hinter Frankenstein wurden wir, deren Wurzeln
durch Jahrhunderte tief ins schlesische Land greifen, wieder vom Kirchturm von Protzan
gegrüßt. Der Sonntag sah uns dann gemeinsam bei der
Einweihung unserer Gedenktafel in Protzan. Während des Gottesdienstes saßen wir in der
Bank der Familie Schneider. Einst war es üblich, daß in der Kirche Plätze
vermietet wurden. Das brachte auch etwas in die Kasse der Kirchengemeinde. Da saß ich nun in der Bank, in welcher ich als
Kind an der Seite der geliebten Großmutter an den manchmal schrecklich langen
Hochämtern teilnahm und jetzt saßen meine Neffen, Großmutters Urenkel neben
mir. Ich hatte ihnen auf dem Friedhof gezeigt, wo die Ahnen beerdigt lagen,
darunter der von der polnischen Miliz im September 1945 ermordete Großonkel
Hans, der Urgroßvater Paul Schneider, die Ur-ur-Großeltern Vogt. Bis 1648 sind
die Ahnen im Dorf zurückzuverfolgen. Sie alle waren hier in der Kirche getauft
und getraut worden. Zuletzt hatten im Oktober 1930 die Großeltern als Brautpaar
hier am Altar gestanden und sich das Ja-Wort gegeben. Ihnen allen galt unser Gebet, ihnen haben wir
unsere Gedenktafel an der Pfarrkirche zu Protzan gewidmet.
Die Einweihung der Gedenktafel
Auf den Spuren der Ahnen